Sonntag, 21. August 2011

Isch schwöre

Ich bin ein fürchterlicher Blogger und verdiene es nicht, mich selbst so zu bezeichnen. Nicht, dass ich mich selbst so bezeichnen würde, aber wenn ich es täte, würde ich es nicht verdienen. Fast das gesamte Jahr jammere ich wieder und wieder rum, keine Zeit, blabla, kurze Pause, bla, aber ganz bald bin ich wieder 100%ig hier und überhaupt wird dann alles besser und toller. Und wieder und wieder komme ich anschließend um die Ecke gekrochen, weil sich erneut eine weitere Lästigkeit ankündigt. Erst war es die Magisterarbeit, dann die Klausur, dann die mündlichen Prüfungen. Eine lächerliche Ausrede nach der anderen. Und nun, schon wieder. Es ist zum Heulen.

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Die letzten drei Wochen waren a bit stressy, aber ich habe HALLELUJA! tatsächlich eine Wohnung in Berlin gefunden. Und als ich dachte, damit wäre die größte Herausforderung gemeistert, musste ich mich mit so trivialen Themen wie Baumarktbesuchen, Strom- und Telefonanbietern, Möbelhäusern und vor allem Küchen auseinandersetzen. Ich verlasse morgens das Haus, nur um abends nach neun zurück zu kommen, nur um dann stundenlang weiter im Internet Zeugs zu recherchieren und anderes Zeugs zu organisieren. Ische binne im Arsche. Rein kräftemäßig.

Morgen früh wird mein Kühlschrank geliefert - oh, diese Highlights meines süß-langweiligen Lebens - und nachdem ich die Wohnung fertig gestrichen habe, muss ich meinen Hello Kitty Koffer packen, denn am Dienstag fliegt mein müder, dicker Hintern nach Bonn, um meine restlichen Sachen zu holen. Der Umzug selbst soll dann am 29.08. stattfinden. Und jetzt kommt's.. moment.. es fällt mir nicht leicht, das laut auszusprechen.. ich.. habe.. in.. dieser.. Zeit.. keinen.. Computer. Das ist so grausam. Und da (ha ha ha) immer noch nicht raus ist, ab wann ich Strom (!!!!) und Internet (!!!!!!!!!!!!!!) in der neuen Wohnung haben werde, ist auch noch nicht sicher, wann ich das nächste Mal bloggen kann. Es ist, als würde man einen kurzen Blick in die Hölle werfen. Warmes Wasser - Who cares? Was zu essen - Ich habe in den letzten 28 Jahren soviel Schokolade gefressen, ich könnte ohne weiteres Monate allein von den Fettreserven meiner Plautze leben. Aber Internet - HELLO!! MOST. IMPORTANT. THINGY. EVER.

Oh, oh! Zeit für das von mir so gehasste zornige Smiley:

 

 

>:(

 

Was ich also sagen will: Es gibt (schon wieder) eine Blogpause. Bis voraussichtlich Mitte September. Danach bin ich dann aber wirklich 100%ig wider hier und überhaupt wird dann alles viel besser und toller.

Isch schwöre.

Samstag, 13. August 2011

Report No.2

Samstag, 6. August 2011

Liebes Tagebuch,

Wohnung suchen sucks und da ich langsam glaube, dass es selbst in Neu-Delhi mehr und vor allem schönere Wohnungen gibt, beschließe ich mir einen Tag Ruhe zu gönnen und mich hausfräulichen Pflichten hinzugeben, vor allem der Ur-Tätigkeit des Hausfrauendaseins: dem Wäsche waschen.

Es gibt zwar im Keller eine hauseigene Waschmaschine, aber ich besitze clevererweise keinen Schlüssel für die Tür, hinter der sich diese verbirgt, und die Kacknase im dritten Stock, bei der ich mir ebendiesen ausleihen könnte.. ist.. na ja.. eine Kacknase eben. Er scheint mir einer dieser typischen Berliner zu sein, die Zugezogene nicht ausstehen können, und solche mit Brüsten schon mal gar nicht, vermutlich weil er, und dies ist eine These meinerseits, resultierend aus dem langen Haar und dem interessanten Körpergeruch, selber schon länger keine anderen mehr außer seinen eigenen gesehen hat, geschweige denn anfassen durfte. Das und die Tatsache, dass er offenbar zu jener Bevölkerungsgruppe der gescheiterten Musiker gehört, vergrämt einen Menschen nicht selten.

Da ich versuche jegliche Kontaktaufnahme mit diesem Individuum zu verhindern, verschlägt es mich an diesem Samstag in den nahe gelegenen Waschsalon und seit der Wohnheimtage in Israel kam ich nicht mehr zu diesem zweifelhaften Vergnügen. Generell mag ich Waschsalons nicht, denn ich möchte meine Blusen nicht in Maschinen legen, in denen irgendein Homo Sapiens mit Hoden zuvor schon seine Schlüpper mit Bremsstreifen reingepackt hat. Vor die Wahl zwischen dem Idioten aus dem dritten Stock und meinen paranoiden Hygienebedenken, überwinde ich dann doch lieber letzteres, als mit ersterem zu sprechen.

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Sonntag, 7. August 2011

Liebes Tagebuch,

da sich das dumme wetter.com gegen mich verschworen hat und mir kackdreist ins Gesicht gelogen und gesagt hat, es würde heute regnen, so dass mein Besuch des Mauerpark-Flohmarkts ausfällt, sitze ich auf meinem Balkon und starre zornig in die Sonne.

Aber es gibt auch Lichtblicke. Die ungeheure Anziehungskraft meiner eigenen Persönlichkeit unterschätzend, bin ich überrascht, dass sich immer wieder Besuch ankündigt, der offenbar heilfroh ist, dass ich (O-Ton) endlich da wäre. Als Gast- und Begrüßungsgeschenk werden mir jedoch niemals Blumen oder Schokolade (Wink mit dem Zaunpfahl) überreicht, sondern stets Berliner Kindl, mit der Anmerkung, dass ich das jetzt für den Rest meines Lebens trinken muss. Offenbar ist die Stadt langfristig nicht ohne Alkohol zu ertragen und ich füge mich den Weisheiten derer, die schon länger hier verweilen.

Und so sitzen wir schließlich zu zweit auf dem Balkon, süffeln Bier und ducken uns vor vorbeilaufenden Passanten, die wir treffen, wenn wir eigentlich versuchen in die 10m entfernte Spree zu spucken.

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Montag, 8. August 2011

Liebes Tagebuch,

Ich. Habe. Keinen. Bock. Mehr.

Ist ja schön und gut, dass alle Leute mir erzählen, wie lange sie gebraucht haben, bis sie ihre Wohnung in Berlin gefunden hätten, Fakt ist: Ich bin kein geduldiger Mensch und diese Woche muss das Ganze zu einem Ende kommen.. no matter what.

Im Bewusststein eine spottbillige Wohnung im super angesagten Bezirk Hohenschönhausen in der Tasche zu haben und der Chance auf eine nicht ganz so tolle, dafür in Neukölln gelegene Wohnung, fahre ich heute morgen nach Köpenick, um mir zwei letzte Wohnungen anzusehen. Es werden die letzten Wohnungen sein, die ich mir hier anschauen werde, so mein trotziger Schwur, den ich mit einer Machete in den Sitz der S-Bahn schnitze.

Köpenick ist nicht wirklich in Berlin. Ich weiß, Wikipedia will einem da was anderes weismachen, aber seien wir ehrlich, Wikipedia ist nicht zu trauen. Köpenick ist vielmehr ein verwunschener Ort, etwa so wie Narnia, durch den man als Berliner nie mit Absicht gelangt. Jeder Berliner, der eigentlich in Mitte oder Kreuzberg wohnt, und den man in Köpenick trifft, wird einem erzählen, dass er aus Versehen in einen Schrank oder anderes Mobiliar gefallen ist und sich plötzlich hier wiedergefunden hat.

Will man nach Köpenick, und wollen tun das nur Touristen, fährt man vorbei an Stationen wie Rummelsburg und Wuhlheide, nur um an einen Ort zu gelangen in dem sich ein Müggelsee befindet. Dass man schließlich am S-Bahnhof Köpenick nicht an Gleis 9 3/4 aussteigt verwundert mich jedes Mal.

Die erste Wohnung liegt direkt in der Altstadt, fünf Minuten vom Rathaus entfernt, wo sich eine Heinz Rühmann Statue befindet, die sich als Hauptmann verkleidet hat. Leider sieht die Wohnung aus, als wäre ich selbst in einen Schrank gefallen, der zugleich eine Zeitmaschine war, und im Mai 1945 wieder ausgespuckt worden. Mit Renovieren hatte das Ganze nur herzlich wenig zu tun.

Ich versuche mich schon mal mit dem Gedanken nach Hohenschönhausen zu ziehen anzufreunden, und fahre zur zweiten, bzw. zur letzten Wohnung ever. Und als hätte Gott (ihr wisst schon, der, der eigentlich gar nicht existiert) Erbarmen mit meiner heidnischen Seele, führt er mich an ein Haus, das von außen hübsch ist, bei dem Einkaufszentrum und Tram direkt vor der Tür liegen und die eine Wohnung beinhaltet, zu der Keller, Balkon, Herd und Spüle und vor allem ein bezahlbarer Preis gehören. Ich fackel nicht lange, lasse die Wohnung für mich resevieren, schnappe mir alle Unterlagen und düse wieder nach Hause, um alles zu erledigen, um die Wohnung zu kriegen.

Liebes Tagebuch, wie es scheint, ziehe ich nach Köpenick!

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Dienstag, 9. August 2011

Liebes Tagebuch,

während mein Bürge damit beschäftigt ist, alle Unterlagen zusammen zu suchen, um den Eindruck zu verstärken, ich wäre der Mieter, den die DEGEWO haben will, treffe ich mich mit meinem Ex-Chef, der ebenfalls der Ex-Freund meiner Ex-besten Freundin ist, und seit einigen Monaten im ARD Hauptstadtbüro arbeitet.

Während ich auf ihn warte, grübel ich über meinen Promotionsunterlagen und versuche aus dutzenden Seiten handgeschriebener Notizen und Fragestellungen das Thema meiner zukünftigen Dissertation rauszuschälen. Wie schön war das doch damals im Studium, als man aus einer Liste von vorgegebenen Themen sich eines für seine Hausarbeit aussuchen durfte. Früher. Vor gut einem Monat.

Schließlich kommt der Ex-Chef und wir lästern über Berliner, an deren rüden Umgangston er sich bisher nicht gewöhnen konnte und über meine Gegentaktik der aggressiven Freundlichkeit und kommen zu dem Schluss, dass er mal sehen wird, ob sich bei ihm oder beim rbb vielleicht irgendwas deichseln lässt.

Während wir also so in Wilmersdorf sitzen, über meine Zukunftspläne reden und mir bewusst wird, dass ebendiese noch ziemlich vage sind, setzt sich Joachim Gauck auf's Nachbarsofa. Die Tatsache, dass mein Ex-Chef, als Vollblut-Journalist, der er nun mal ist, deswegen gluckst vor Freude und ich währenddessen denke "Eigentlich würdest du gerne putzen gehen und in der Freizeit schreiben und zeichnen...", führt mir vor Augen, dass ich mir mal dringend genauere Vorstellungen davon machen sollte, was ich eigentlich will. Vom Leben. So im Allgemeinen.

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Mittwoch, 10. August 2011

Liebes Tagebuch,

für heute weiß ich nichts zu berichten. Ich habe den Tag mit gepflegter Dekadenz verbracht, dem Waschsalons meines Vertrauens aufgesucht, erfahren, dass man Waschpulver weder essen, noch Weichspüler trinken sollte und weiß nun, dass der McDonald's von Köpenick aktuell keine Mitarbeiter braucht.

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Donnerstag, 11. August 2011

Liebes Tagebuch,

pünktlich um zehn finde ich mich wieder in Köpenick ein, um alle Unterlagen mit preußischer Perfektion abzugeben. Der Wohnung scheint nichts mehr im Wege zu stehen, nächsten Donnerstag soll der Mietvertrag unterschrieben werden und die Schlüsselübergabe stattfinden.

Doch noch gibt es ein anderes Problem. Leider musste ich schon in Erfahrung bringen, dass der nächste Dunkin' Donuts ca. 11km von Köpenick entfernt liegt (in Berlin halt..), doch nun galt es zumindest einen Starbucks zu finden. Während das böse Internet mir erzählt, dass sich im Köpenicker Forum auch ein Starbucks befinden soll, Starbucks selbst aber dazu schweigt und ich in dem Einkaufszentrum bei aller Liebe die grüne heilsbringende Meerjungfrau nirgends entdecken kann, wende ich mich an mein Maklerbüro, in der Hoffnung um Hilfe.

Und liebes Tagebuch, du musst mir glauben, der nachfolgende Dialog hat genauso stattgefunden. Wenn der Dialekt nicht genau wiedergegeben ist, liegt das einfach daran, dass ich nun mal Hochdeutsch spreche:

Ich: "Eine Frage noch: Gibt es hier irgendwo einen Starbucks?"

Maklerin: "Ja, ich glaube in der Bahnhofsstraße, kurz vor dem S-Bahnhof auf der rechten Seite."

Ich (innerlich wonnig grunzend): "Ja? Den hab ich dann wohl übersehen. Geh' ich gleich noch mal gucken."

Maklerin: "Das ist doch das mit den Brötchen?"

Ich (das innerliche Grunzen verstummt schlagartig): "Das.. ist.. das.. mit dem Kaffee.."

Maklerin: "Wie hieß das?"

Ich: "Starbucks?!!"

Maklerin: "Hm. Ne. Was hab' ich denn gemeint?"

Ich: "Dunkin' Donuts?"

Maklerin: "Ne."

Ich: "Bagel Brothers?"

Maklerin: "Ne. Warten Sie, wir fragen mal meine Kollegin."

Wir verlassen ihr Büro und gehen nach vorne zur Rezeption.

Maklerin: "Sach ma, weißt du, wo hier - (zu mir:) Wie hieß das?"

Ich (hysterisch): "Starbucks?!?!!!11"

Maklerin: "Weißt du, wo hier Starbucks ist?"

Rezepttussi: "Starbucks? Ne. Nie jehört. Wat is'n dit? Is dit'n Baumarkt?"

Da ich begreife, dass ich innerhalb der nächsten zehn Sekunden entweder anfange zu heulen und/oder zu lachen, beende ich die kafkaeske Situation, verabschiede mich und verlasse fluchtartig das Gebäude, um draußen zusammen zu brechen.

Es ist ja eine Sache, in einem Bezirk zu wohnen, in dem es kein Starbucks gibt, aber es ist eine ganz andere Sache in einem Bezirk zu wohnen, in dem die Menschen nicht wissen, was Starbucks ist.

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Freitag, 12. August 2011

Liebes Tagebuch,

da Satan offenbar den Knopf für das Wetter von Berlin aktuell in seiner Gewalt hat, fängt es genau (!!) dann an aus Kübeln zu schütten, als ich das Haus verlasse, um mich mit meiner Ex-Mitbewohnerin aus Israeltagen zu treffen. Auf ihren Vorschlag hin, treffen wir uns am Kotti, was, so erfahre ich von Wikipedia, die interne Bezeichnung des Kottbusser Tors ist. Diese Ecke Kreuzbergs ist der Inbegriff des asozialen Charmes Berlins. Schöne Menschen wohin man blickt.

Nachdem wir unsere leeren Mägen mit fettiger, wohltuender Pizza genährt haben, suchen wir uns einen Platz zum offensiven Bierkonsum und da die Ankerklause von Horden von Regenflüchtlingen gesprengt wurde, finden wir schließlich Zuflucht im Bruegge, wo uns seltsam bitteres Pils aus Dresden oder Leipzig oder einem anderen mysteriösen Ort nahe der russischen Grenze serviert wird.

Da ich irgendwas getan haben muss, was Satan wirklich verärgert hat, lande ich auf dem Nachhauseweg natürlich in dem Waggon, den der Irre des Abends zu seinem Zuhause des Abends auserkoren hat. Da der Herr offensichtlich selber keine oder nur sehr wenige Freunde hat, versucht er in der U12 welche zu finden - und das auf eine penetrante und abenteuerliche Art und Weise, die einem schon beinahe Achtung abverlangen würde, wäre sein Körpergeruch nicht von zweifelhaftem Ausmaße.

Dennoch nehme ich seine Existenz mit einem gewissen Gleichmut zur Kenntnis. Denn, liebes Tagebuch, das ist nun mal Berlin. Du kriegst Berlin nicht ohne die Irren. Entweder ganz oder gar nicht. Und aufdringliche Fremde in der Bahn zu ignorieren, ist ein Preis, den ich gerne zahlen, um hier zu wohnen.

Maniac

 

Sonntag, 7. August 2011

In meinem Kopf

In meinem Kopf seid ihr alle wunderschön. Ihr seid witzig. Eloquent. Geistreich. Unfassbar interessant. Kreativ. Durchweg faszinierende Persönlichkeiten mit einem unbestechlichem Modegeschmack. Mit straffen Brüsten - wenn ihr Frauen seid - und absolut gar keinen Brüsten - wenn ihr Männer seid. Ihr lest Camus, Sartre und Calvin & Hobbes. Ihr wisst alles, was ich weiß und darüber hinaus, ohne klugscheissende Arschgeigen zu sein. Kurzum: In meinem Kopf seid ihr perfekt.

Und solange ich euch nicht treffe, bleibt ihr auch alle genau das. Und im Gegenzug könnt' ihr euch der Illusion hingeben, dass ich genauso wunderschön und witzig bin. Und das ist auch gut so. Denn seien wir ehrlich: Ihr seid es nicht und ich bin es auch nicht.

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Niemand außer brasilianischen Supermodels sind wirklich die ganze Zeit wunderschön. Und selbst die besten Twitterer und Blogger haben während eines 24-Stunden-Zyklus hin und wieder einen Moment, in dem sie einfach nur lust- und wortlos in der Ecke sitzen und in der Nase popeln. Einige von euch lesen Harry Potter. Oder Twilight. Auch ich bin nicht perfekt. Ich weiß, dass ihr euch das nicht vorstellen könnt, aber ich habe z.B. eine Blue System CD zu Hause. Schockierend. Ihr seht, auch ich habe meine Fehler.

Doch solange wir nur im Netz unterwegs sind, können wir uns neu erfinden, uns schöner, interessanter und süperer machen, als wir eigentlich sind. Wir geben bei Facebook die Musik und die Filme im Profil ein, von denen wir wollen, dass andere sie sehen. Dazu noch ein paar Fotos, vorzugsweise durch tausend Filter bei Instagram und Co. gejagt und simsalabimm wird aus der langweiligen Versicherungskauffrau mit dem beschissenen Job und der Wohnung mit dem Wasserschaden eine ungemein faszinierende Persönlichkeit.

Und das ist okay.

Wäre ich nicht in Berlin. Würde hier nächsten Samstag nicht eine Twitterparty stattfinden. Würde ich nicht überlegen dorthin zu gehen. Wärt ihr nicht da.

Oh, Konjunktiv, you heartless bitch.

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Was tun? Auf der einen Seite der Reiz einen Teil von euch kennenzulernen. Auf der anderen Seite die Angst euch kennenzulernen.

Es ist wie damals mit sechzehn, als man das erste Mal mit den besten Freundinnen in die Disco gegangen ist und keine Ahnung hatte, was auf einen zukommt. Wie die anderen sich verhalten. Man sich selbst verhalten soll. Ob genügend Alkohol vorrätig sein wird, um den gesamten Abend zu überstehen. Aber nicht soviel Alkohol, dass man am nächsten Tag Fotos bei Facebook von sich findet, wie man in seinem eigenen Erbrochenen Polka tanzt. Das übliche eben.

Ich gestehe, noch ist nichts entschieden. Ich habe mir schon seelischen Beistand gesucht und wir werden es vom Wetter abhängig machen, ob wir kommen oder nicht.

Nur für den Fall, dass ich komme und der ein oder andere von euch auch, solltet ihr etwas wissen.. sonst ist der Schock nachher so groß..

Ich bin nicht ohne Gründe ein großer Fan von Instagram:

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Denn ohne sähe es so aus:

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Ich dachte, das solltet ihr wissen.. Bis Samstag. Vielleicht.

 

Freitag, 5. August 2011

Report No.1

Montag, 1. August 2011

Liebes Tagebuch,

ich bin Berlin. Finally. Verdammte Kacke. Nach sechs Stunden Autofahrt betrete ich mein Domizil für die nächsten Wochen. Je nachdem wen man fragt, liegt ebendieses in Tiergarten und/oder Charlottenburg. Es gibt kaum etwas, was mir noch egaler ist. Ich schmeiße meine Sachen in die Ecke, wälze mich in Parfüm, tape die Brüste und rase nach Steglitz, wo um 16h eine Wohnungsbesichtigung stattfinden soll.

Und was soll ich dir sagen, liebes Tagebuch, wenn ich früher von Steglitz gesprochen habe, war es als Synonym für die Schloßstraße gedacht, aber offenbar ist da noch ein weiteres Steglitz. Ein Steglitz ab vom Schuss. Weit ab vom Schuss. Nach gefühlten drei Stunden Fußmarsch stehe ich vor einem Haus, dessen Fassade seit der Weimarer Republik keinen Anstrich mehr gesehen hat. Im Rollladenkasten brütet munter eine Horde Bienen. Ich versuche es optimistisch zu sehen und sehe mich Unmengen an Geld für Honig sparen, wenn ich es richtig anpacke.

Die Wohnung von innen ist dann eher.. na ja.. eher so.. bäh. Gefrustet laufe ich die 5.927km zurück zur Schloßstraße und verschanze mich mit einer Riesenportion Sushi in der Ahornstraße. Und mit T4 im Magen verspüre ich für einen kurzen Moment so etwas wie Glückseligkeit in meinem dunklen, schwarzen Herzen.

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Dienstag, 2. August 2011

Liebes Tagebuch,

heute morgen war ich an einem Ort, der sich Ostseeviertel nennt. Wer die Entscheidung getroffen hat, diese Ecke zu erschaffen und sie so zu nennen, ist mir nicht bekannt, ich stelle aber dennoch einfach mal intuitiv seinen Geisteszustand in Frage. Es ist kaum vorzustellen, dass es Bezirke gibt, die noch weiter außerhalb liegen. Und die auf die Fassaden gemalten Möwen und Strandkörbe erwecken bei mir nur rudimentäre Erinnerungen an Timmendorf und Co.

Wohnungsbesichtigungstechnisch sind weitere Ausführungen überflüssig. Ich fahre mit der Tram zum Alex, mische mich unter ein Rudel asiatischer Touristen und knipse euphorisch glucksend den Fernsehturm.

Später geht es noch nach Charlottenburg zu einer weiteren Wohnung, die in ihrer ästhetischen Beschissenartigkeit kaum noch zu überbieten ist. Eine leise Stimme in meiner Großhirnrinde flüstert "Tja, in Bonn wäre das nicht passiert. Das ist Berlin. Hier herrschen Kot und schwarzer Schimmel."

Abends liege ich im Bett, starre auf meine umfangreiche Fotosammlung von Fernsehturmfotos und versuche die aufkeimende Panik runterzuschlucken, ohne daran zu ersticken.

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Mittwoch, 3. August 2011

Liebes Tagebuch,

um meine Sammlung seltsamer Bezirke, in denen keiner wirklich leben will, zu erweitern, verschlägt es mich am Morgen nach Hohenschönhausen, wo ich zwei Wohnungen besichtigen darf. Tatsächlich finde ich die zweite gar nicht so beschissen. Also im Vergleich zu den dreien insgesamt davor. Ich lasse mir eine Option für eine Woche einräumen und teste todesmutig in dem nahegelegenen Einkaufscenter die öffentlichen Toiletten, bevor ich nach Potsdam fahre.

Dort treffe ich in einem uralten Gebäude, das mir einen Eindruck davon vermittelt wie die Uni Bonn aussähe, würde man sie nicht regelmäßig renovieren und streichen, meinen zukünftigen Doktorvater. Wir sind uns schnell einig, dass ich toll bin, mein Thema toll ist und sowieso alles ganz toll ist. Ich fahre ein wenig beschwingter wieder zurück nach Berlin, genauer gesagt nach Köpenick, wo ich mir die Füße blutig laufe. Viel anstrengender dürfte die Flucht 1945 aus den Ostgebieten auch nicht gewesen sein.

An diesem Abend versuche ich mir Hohenschönhausen schön zu reden und schreibe mit Edding in riesigen Ghettoartigen Lettern "I put schön in Hohenschönhausen!" über das Kopfende des Bettes.

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Donnerstag, 4. August 2011

Liebes Tagebuch,

der Wohnungsmarathon geht weiter. Vor einer Wohnung in Schöneberg finde ich mich zusammen mit hundertzwölfzig anderen Studenten und einem vierzigjährigen Herrn mit gewagtem Scheitel über dem rechten Ohr und Pollockanmutenden Flecken auf der Hose ein. Die Wohnung an sich ist gar nicht so schlecht, jedoch reduziert sich mein spontan aufwallender Optimismus, als ich mitbekomme, dass eine junge Dame anwesend ist, die sich die Wohnung nicht nur schon einmal angesehen hat, sondern auch schon den Mietvertrag zuhause liegen hat und ihn nur noch unterschreiben muss. Aber sie wollte sich die Wohnung halt noch einmal ansehen. Das war der Grund, warum alle anderen an diesem Morgen völlig umsonst nach Schöneberg pilgern durften. Ohne es groß abzusprechen, töten wir sie lautlos.

Ich watschel missmutig zu meinem Lieblingscafé ein paar Straßen weiter, belohne meinen strapazierten Körper mit einem Latte Macchiato und Erdbeerkuchen, bevor ich im strömenden Regen nach Neukölln fahre. Und nun erlebe ich eine Überraschung. Die Ecke dort erinnert mich an meine Zeit in Moabit, es riecht sogar ähnlich. Ich fange an zu lächeln, was auf andere befremdlich wirkt, weil mein Gesicht an diese Tätigkeit nicht gewöhnt ist. Die Wohnung selbst ist nicht sehr groß und verfügt nur mit sehr viel Fantasie über rechte Winkel, aber ich mag sie und schleime bei der Maklerin als ginge es um mein Leben.

Vielleicht, liebes Tagebuch, gibt es in dieser riesigen Stadt mit ihrer zweifelhaften Hygiene und Ästhetik doch tatsächlich einen Ort für mich, den ich mein Zuhause nennen kann. Und selbst, wenn ich die Neuköllner Wohnung nicht bekomme: Es gibt zumindest Hoffnung.

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Freitag, 5. August 2011

Liebes Tagebuch,

gestern wurden im Wedding zwei Frauen erschossen. Der Pessimist in mir sagt: "Oh, gefährliche Ecke, da ziehen wir aber nicht hin!", der Optimist hingegen sagt: "Oh, dann sind ja jetzt zwei Wohnungen frei."

Obwohl meine Wohnung nicht soooo weit vom Wedding entfernt liegt, braucht der Bus eine gefühlte Ewigkeit bis er ankommt. Ich hasse es in Berlin Bus zu fahren. Wenn ich Bus fahren will, kann ich auch in Bonn bleiben.

Bei der ersten Adresse gibt es gleich Wohnungen zu bestaunen. Bei der ersten gibt es vor allem einen enormen Wasserschaden in der Küche und ein hygienisch fragwürdigen Teppichboden zu bestaunen. Die zweite Wohnung ist etwas besser. Zumindest wenn man auf Dielenboden in der Farbe 'Ochsenblut' steht. Aber nach fünf Tagen könnte ich selbst damit leben.

Die dritte Besichtigung findet ebenfalls in Wedding statt. Laut meiner iPhone App sind es 3,2km bis dorthin, die man entweder in 40 Minuten zu Fuß oder in über einer Stunde (dank mehrfachen Umsteigens) mit dem ÖPNV bewältigen kann. Ach, liebes Tagebuch, ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber ich entschied mich für ersteres. Ich kann das ja nicht oft von mir sagen: Aber heilige Scheisse, das war ja mal 'ne verdammt beschissene Idee!!

Während ich mit tauben Beinen und Chucks, aus denen das Blut läuft, stöhnend und weinerlich durch Wedding tapse, treffe ich plötzlich auf @schmidtlepp, der mein Wahlverhalten in Frage stellt. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht schon ca. zwei Liter Blut verloren, das mir nun im Gehirn fehlt, hätte ich ihm gehörig die Meinung gesagt.

Irgendwann später treffe ich bei Wohnung No.3 ein. Ich bin hellauf begeistert. Genauso wie die 17.269 anderen Interessenten. Ich lasse mir die Bewerbungsunterlagen geben, fahre nach Steglitz zu Dunkin' Donuts, kaufe alle Boston Cremes, die sie vorrätig haben, düse nach Hause, vergrabe mich mit den Donuts, Milchkaffe und Jonathan Safran Foer unter meiner Bettdecke und lausche, wie der Regen monsunartig gegen die Fenster klatscht. Und ich schwöre, liebes Tagebuch, die nächsten zwei Tage werde ich mich so wenig bewegen, wie nur irgend möglich.

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Montag, 1. August 2011

Los gehts..

Es ist kurz vor drei und im Fernsehen läuft Spiderman 2. Ich bin seit gut einer Stunde auf, fast fertig angezogen und lasse den Blick über die restlichen Kisten und Koffer schweifen, die ich gleich irgendwie noch ins Auto kriegen muss. Ein Monat Berlin. Um eine Wohnung zu finden. Um zu entscheiden, ob ich promoviere und wenn ja, ob an der FU oder an der Uni Potsdam. Um einen Job zu finden. Um in Steglitz Sushi essen zu gehen. Um Sonntags über den Mauerpark zu flanieren. Um Samstags auf dem Nollendorfmarkt ein paar Köstlichkeiten einkaufen zu gehen. Um Nachmittags irgendwo in Friedrichshain oder Kreuzberg mit meiner Pfeife zu sitzen und Cappuccino zu schlürfen. Um einfach mit der Bahn zu fahren, kreuz und quer durch die Stadt, und dabei für jedermann sichtbar irgendwas tiefsinniges zu lesen wie 'Masse und Macht' von Canetti. Das Übliche eben, wenn man in Berlin ist. Die meisten können es wohl noch gar nicht fassen, dass nun wirklich das passieren soll, was ich 2009 beschlossen habe. Vor genau zwanzig Monaten. Ich selbe glaube es ja nicht wirklich. Ich werde es auch nicht in den nächsten vier Wochen glauben. Noch sind es einfach nur vier Wochen. Wir werden sehen, was passiert, wie sich alles entwickelt. Ich hoffe das Beste und befürchte das Schlimmste. Und nirgendwo vereint sich beides besser als in der Stadt an der Spree.

 

Fahren nach berlin claim

Ich sollte mal langsam meine Hose suchen..
..wir sehen uns in Berlin!!