Freitag, 25. September 2009

Freitags in der Arktis

Es ist Freitag morgen und während der Nacht hat sich beklemmende Kälte über die Stadt gelegt. Fröstelnd stehe ich auf, um mich fertig zu machen. Die Tatsache, dass ich nicht sofort zum Wannsee raus muss, sondern erst einen kleinen Ausflug machen werde, stimmt mich latent zufrieden. Mit einem großen Becher dampfendem Tee stehe ich am Fenster und lasse fröstelnd den Blick über die Dächer schweifen. Endlich mal ein wenig Abwechslung heute. Endlich mal wieder ein Abenteuer.

Ich packe meinen großen Speer neben Pfeil und Bogen. Hoffentlich habe ich nichts vergessen. Ein kühler Wind weht durchs Iglo. Trotzig schaue ich nach draußen: "Heute kriege ich den Bären. Heute kriege ich ihn."
Bevor ich losgehe, hole ich noch schnell etwas getrocknetes Robbenfleisch aus dem Lager und binde mir den Fellumhang fester zusammen. Draußen heulen schon die Schlittenhunde. Sie sind ungeduldig und ahnen, was heute kommen wird. Ich eile nach draußen - nicht ohne die Haustür abzuschließen. In Mobait.. ich meine, am Nordpol weiß man schließlich nie..

Mit grimmigem Gesicht, den Fellkragen hochgeklappt, trete ich vor's Iglo. Endlose Weite, wo man auch hinblickt. Schneebedeckt. Perfektion der Natur. Weit und breit ist kein anderes Lebewesen zu sehen, aber ich weiß, er ist da draußen. Wartend.
Die Huskeys werden immer unruhiger und zerren am Geschirr, also schwinge ich mich auf den Schlitten und schnalze mit der Zunge: "Los gehts! Heute gibt es Eisbär zum Abendessen." Die Hunde jaulen aufgeregt und rasen los.



Knirschender Schnee unter den Kufen. Das regelmäßige Hecheln der Hunde. Ansonsten gleitet der Schlitten geräuschlos durch die Eiswüste. Es ist, als wären wir alleine auf der Welt.
Während sich kleine Eiskristalle an meinen Augenbrauen bilden, schlage ich nochmal schnell auf dem iPhone bei Wikipedia "Arktis" nach. Wäre ja irgendwie dumm, wenn sich diese Geschichte in Wirklichkeit am Südpol zutrüge.
Das iPhone hatte ich beim jährlichen Robbenschlachtfest der Inuit, dem Nasdapala, bekommen. Es war vorsichtshalber in das weiße, flauschige Fell eines Heulers eingewickelt.
Dank Google Map weiß ich ganz genau, wo der Bär sich aufhält. Er war ganz nahe. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, ich könnte ihn riechen, aber ich hatte an dem Morgen nur nicht geduscht.

Weiter und immer weiter gleitet der Schlitten durch das gefrorene Weiss und die eisige Kälte des Nordpols. Vorbei an den Alpakas und den Elefanten, den Geiern und Nilpferden (wobei letztere wirklich drollig sind und für einen kurzen Moment zum Fotografieren einladen).
Die Nackenhaare der Hunde beginnen sich aufzustellen. Der Bär ist nahe. Endlich sind wir am Ziel. Ich spüre, wie das Adrenalin durch meinen Körper fließt. Das Jagdmesser in meiner Linken zittert leicht. Lautlos springe ich vom Schlitten herunten und schleiche mich näher. Wind in seinem Haar könnte es nicht besser machen. Nur mit Mühe kann ich mich von meinem Lieblings-Kevin-Costner-Film losreißen und schleiche näher. Und näher. Und näher. Mein Herz beschleunigt, der Atem wird ganz flach.
Stundenlang liege ich regungslos auf der Lauer, bis schließlich der Moment kommt. Endlich Aug in Aug mit dem Ungeheuer. "Hab ich dich endlich, Knut." hauche ich, während ich meine ganze Kraft sammle, um mich auf das dreckige, algenbehangene Tier stürzen zu können. Doch plötzlich..

..wie aus dem Nichts taucht eine Horde Rentnerinnen auf. Bis an die Zähne mit Kameras und schweren Teleobjektiven bewaffnet. Unter dem Blitzlichtgewitter zurückweichend, welches mir die Netzhaut versengt, versuche ich mit dem Heldenmut eines ganzen Massai-Stamms mich der Meute zu erwehren. Doch kaum habe ich ein oder zwei der Knut-Fan-Club-T-shirt-tragenden Senioren mit dem Speer zurückgedrängt, tauchen am arktischen Horizont fünf neue auf. Irgendwo in der Nähe musste ihr Lager sein. Ich muss mir eingestehen, dass ich geschlagen bin. Den Kampf gegen den Eisbären hätte ich noch gewinnen können. Aber nicht gegen seine Groupies. Also sammle ich flugs die Überreste meiner Netzhaut ein, wische flüchtig das Seniorenblut vom Speer und steige auf den Schlitten.

Langsam erhebt sich am Horizont die Sonne und während die Hunde durch den Schnee gen Inuitdorf rasen, meine ich in der Ferne das höhnische Lachen des triumphierenden Eisbären hören zu können. "Morgen ist ein neuer Tag. Morgen krieg ich dich." denke ich mir und recke wie Blofeld oder Dr. No drohend die Faust in den Himmel. "Und jetzt," sage ich laut (wobei ich die Faust wieder runter nehme, weil ich sonst beinahe die Kontrolle über den Schlitten verliere) "weiß ich auch, wo dieser scheiss Zoo liegt!"

Ende

Diese Geschichte hat sich genauso, aber auch wirklich haargenau so abgespielt. Nur wegen der iPhone-Fell-Hülle habe ich gelogen. In Wirklichkeit ist sie aus dem Fell junger Polarfuchswelpen. Aber ansonsten: genauso!!

Dienstag, 22. September 2009

Montag, 21. September 2009

Jahwes Zorn.. mal wieder

Das junge Ding mal wieder. Quietschvergnügt läuft sie durch die Wohnung und macht sich für den Tag fertig. Sie rast vom Bad zum Schreibtisch, vom Schreibtisch zum Kleiderschrank, vom Kleiderschrank zur Spüle. Bei letzterer dreht sie den Wasserhahn auf, sie muss noch Geschirr spülen, bevor sie geht.
Das junge Ding wuselt weiter herum. Fönt sich die Haare. Nimmt die Wäsche vom Reck. Hüpft zum Schreibtisch, um ein wenig zu twittern. Doch plötzlich - was ist das für ein Geräusch? So seltsam, und doch vertraut? Das Gesicht des jungen Ding spiegelt urplötzlich den Moment klarer, aber grausamer Erkenntnis wieder. Sie reisst ebendieses Gesicht vom Computerbildschirm hoch und starrt zur Spüle, wo fröhlich blubbernd und zischend das Wasser überläuft. In äthiopischer Rekordgeschwindigkeit hastet sie die zwei Meter hinüber und versucht verzweifelt der Flut Einhalt zu gebieten. So muss es Ramses ergangen sein, denkt das junge Ding, als er versuchte sich gegen die Wasserberge zu stemmen, die Moses ihm zusammen mit diesem grimmigen Jahwe entgegengeschickt hatten. Das junge Ding sieht sich semi-panisch um, aber dummerweise hatte sie keinen Stab, mit dem sie dem Wasser hätte befehlen können. Stattdessen greift sie nach jedem Stück Stoff, dem sie habhaft werden kann.
Und während sie tupft und reibt, wischt und rubbelt, denkt sie so bei sich: Komisch, wieso sind denn meine Socken so nass? Ein Blick gen Fussboden verrät dem jungen Ding, dass Jahwe das Wasser heimtückisch unter dem Kühlschrank hervorschießen lässt. Ein Schrei des Entsetzens entfährt dem jungen Ding. Schließlich hieß das, sie musste nun neue Socken anziehen.


Eine halbe Stunde später scheint das Chaos gebändigt, die Wassermassen von tausenden Handtüchern aufgesogen und Jahwes Zorn besänftigt. Das junge Ding sitzt kopfschüttelnd auf dem Bett und wechselt die Socken. Ein drittes Mal, denkt sie sich, darf mir das aber nicht passieren.

Sonntag, 20. September 2009

Nachtrag

Ich muss doch nochmal einen Nachtrag zum Post vom 09.09.2009 schreiben. Denn es gibt durchaus Momente, in denen ich froh bin, keinen Penis zu haben. Heute war so einer. Als Mann könnte ich kaum mit hocherhobenen Kopf durch Berlin marschieren und das hier



mit mir rumtragen. Als Frau darf man das. Als Frau darf man ohnehin jeden Blödsinn machen. Man wird ohnehin für nicht voll genommen. Und in Berlin sowieso.

P.S. Übrigens "ihr" Name ist Schoschanah und sie ist stubenrein.

Dienstag, 15. September 2009

Thorben

In meiner Zeit hier in Berlin wohne ich in einer voll möblierten Wohnung. Ich schlafe also in einem fremden Bett, sitze auf einem fremden Stuhl, esse von fremdem Geschirr. Ich. Ich, die noch nicht mal gebrauchte Bücher kauft, weil ich sie eklig finde (antike Erstausgaben ausgenommen) und nie weiß, was wohl der Vorbesitzer damit angestellt hat. Allein die Tatsache, dass er sie hergibt, macht mich misstrauisch.

Und nun das. Mein Problem ist, dass ich nun noch nicht einmal weiß, wer hier vor mir gewohnt hat. Und da ich es nicht weiß, beginnen meine Gedanken zu rasen und vor meinem geistigen Auge kann ich ihn sehen. Thorben, den Vormieter. Thorben, der Anfang Dreißig ist, rotblonde Haare hat, der nur drei Unterhosen besitzt und alle zwei Wochen duscht. Thorben, der, wenn er zuhause war, die ganze Zeit am Computer World of Warcraft oder Second Life gespielt oder ferngesehen hat. Thorben, den seine kleine Fettschürze nicht daran hindert, seine Freundin überall in der Wohnung nach allen Regeln der Übelkeit flachzulegen.
Seine Freundin. Elodie. Sie hat lange, straßenköterbraune Haare, die sie so oft wäscht, wie Thorben duscht. Sie trägt lange Samtröcke, als wäre sie stets auf dem Sprung zu einem Riverdance-Casting. Elodie und Thorben.

Sie haben es überall in der Wohnung getrieben. Auf dem Bett sowieso. Auf der Küchentheke, auf dem Schreibtisch, am Kleiderschrank und dem Boden. Und dort, wo sie es nicht getrieben haben, hat Thorben gesessen. Nackt. Er war immer nackt, wenn er alleine war (wenn er mit Elodie schlief ohnehin).

Ich kann ihn sehen, wie er nackt mit seinem sommergesprossten Hintern auf dem Kunstledersessel sitzt und seine DSDS-Zeitschrift liest. Zwischendurch kratzt er sich am Hintern, weil er, wie schon erwähnt, nicht so wirklich oft duscht.

Wenn Besuch kommt, lasse ich diesen im Sessel sitzen. Die finden den meistens sehr bequem, sie wissen ja auch nichts von Thorben.

Mittwoch, 9. September 2009

Ödön

Ödön von Horváth sagte: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu." und sprach mir damit aus der Seele.

Ich bin nämlich eigentlich auch ganz anders. Oder ich sehe mich eigentlich anders, als ich bin. Oder ich wäre gern anders, als ich bin.

Zum Beispiel wäre ich gerne Weintrinker. Rotweintrinker. Außerdem hätte ich gerne einen Bart. Weil ich gerne ein Mann wäre. Ich glaube ein männlicher Schriftsteller und Künstler wirkt ganz anders als eine Frau. (Man betrachte nur einmal die weiblichen Künstler dieser Welt.. mir fällt spontan keine ein, der ich mich vor Bewunderung vor die Füße werfen möchte.. keine einzige.) Eine Brille würde ich auch als Mann tragen, das gibt dem ganzen so einen intellektuellen Touch. Aber ich würde rauchen. Pfeife denke ich. Oder Zigaretten wie Gauloises, weil's so schön klingt. Und ich hätte auch keine Katze. Obwohl ein struppiger Streuner ja wunderbar zu einem Pfeiferauchenden Schriftsteller passen würde. Und obwohl ich als dieser Mann auch keine sozialen Kontakte (außer zu meinem Lektor) haben werde, da ich ein totaler Misantrop wäre (jetzt bin ich ja nur Semi-Misantropin), würde ich keine Selbstgespräche führen oder grummeligschrullig sein. Ich würde nie älter als 39 werden. Ich hätte keinen Fernseher und würde nur Klassische Musik und Chansons aus den Zwanzigern hören und Madonna nur aus der Kirche kennen. Ich hätte ein Haus am Meer - eigentlich egal welches Meer, nur abgeschieden muss es sein, so dass ich mindestens eine halbe Stunde mit dem Auto (einem alten, klapprigen Jeep aus dem letzten Jahrtausend) bräuchte, um in die nächste Kleinstadt zu kommen.. und Stunden mit dem Zug in die nächste richtige Stadt. Eigentlich ist das Meer doch nicht egal. Der Atlantik soll es sein. Am Besten Schottland. Raues Klima, so dass der Kamin immer flackert und ich abends mit einem Cognakglas und einem guten Buch davor sitze und auf dem Plattenspieler Chopin läuft. Einen Hund hätte ich noch. Einen Wachhund. Einen Pointer oder Riesenschnauzer. Sein Name wäre Bob. Ich würde alte Cordhosen tragen und Westen. Die Hemdsärmel hätte ich hochgekrämpelt. Fliegen und Schlipse besäße ich nicht. Für die Verleihung des Literaturnobelpreises müsste ich mir einen Smoking leihen und ich würde ihn hassen. Ab und an würde ich mir ein abgeschiedenes Häuschen in Griechenland oder Italien mieten, um dort zu schreiben. Bob wäre immer dabei. Frauen fände ich dumm und einfältig. Ich würde noch nicht mal mit ihnen schlafen aus Besorgnis sie könnten anfangen zu reden. Natürlich würde ich auch irgendwann sterben. An etwas trivialem, aber dennoch tragischem, was zum rauen Klima passt, eine Lungenentzündung oder dergleichen. Bob würde am Fussende des Bettes seinen Kopf auf dasselbe legen und mit mir auf das Ende warten, am nächsten Morgen würde man ihn in seinem Körbchen beim Kamin finden. Aus Kummer würde er mir folgen. Ich würde auf meinem Grundstück beerdigt werden, nahe meinen Rosenbeeten unter einer großen Trauerweide. Bob daneben. Aus meinem Häuschen würden sie recht bald ein Museum machen und Streuner, der Kater, würde noch lange darin wohnen.

Ja, so ungefähr wäre es, wenn ich nicht ich, sondern so wäre, wie ich mich gerne hätte. Stattdessen sitze ich frierend am Wannsee und langweile mich langsam und gemächlich zu Tode. Und das ist sicherlich keine tragische Weise um ums Leben zu kommen. Wird sich sehr lächerlich machen in meiner Biographie. "Man fand sie zusammengerollt auf dem Fussboden, der Mund zum Gähnen weit geöffnet. Sie hatte nie die Möglichkeit mit dem Pfeife rauchen anzufangen."

Montag, 7. September 2009

hava nagila..

Seit fast einer Woche lebe ich nun in Berlin. Inzwischen stellte sich heraus, dass meine Wohnung weniger in Tiergarten liegt, als vielmehr in Moabit - da es anfangs hieß, sie läge in Charlottenburg ist das schon irgendwie ein Abstieg.. aber ich fühle mich trotzdem recht wohl hier. Und wenn man sich nicht in der Öffentlichkeit über Israel unterhält und/oder projudaistische Symbole etc. mit sich rumschleppt, kann man hier auch noch Abends sorgenlos auf die Straße gehen.
Mein Praktikum am wunderschönen Wannsee entwickelte sich bisher noch nicht so wie erhofft. Zeittotschlagen und Chronische Unterforderung sind die Schlagworte in dieser Angelegenheit. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es besser wird. Es wird besser werden! Es muss besser werden! Oh Gott, bitte lass es besser werden!!!
Ansonsten finde ich mich in Moabit und Steglitz schon ziemlich gut zurecht - was mich ein klein wenig stolz macht - und ich unternehme recht viel. Egal, ob es nur um's Kino geht (Inglourious Basterds!!!!!!), um exzessive Sushischlachten, um's Straßenfest (lang lebe das Moabiter Proletariat), um Museumsbesuche, um Sightseeing in Mitte und Kreuzberg (Curry 36 gehört ja wohl offensichtlich neben dem Brandenburger Tor zu den Touristenmagneten Berlins.. eine halbe Stunde mussten wir anstehen!!) oder um's gemeinsame Kochen und anschließende Fernsehabende mit der Teffi (im Schweigen vereint.. mehr oder weniger).
Und diesen Samstag plane ich dann den Vogel abzuschießen, indem ich Mittags erst auf die große Demo gegen den Überwachungsstaat geht (ich wollte mir schon immer das Adjektiv antifaschistisch zu eigen machen) und Abends auf ein Konzert ins Kesselhaus.

Hier kann man unglaublich viel machen und der Gedanke nach dem Magister hierher zu ziehen gefällt mir immer mehr. Aber noch ist meine Zeit in Berlin nicht um und ich/wir plane(n) noch viel zu unternehmen. Ich freu mich auf die nächsten Wochen. Irgendwie hab ich das Gefühl, das wird eine tolle Zeit.



Ich darf nur nicht "Hava nagila hava.." summen, wenn ich aus dem Haus trete - dann wird alles gut.